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Schule macht Integration ?!?

Wie kann an einer Schule im Frankfurter Bahnhofsviertel Integration gefördert werden?

Ein Lösungsversuch

von Inken Matzen, stellvertretende Schulleiterin der Karmeliterschule seit 2005

Die Karmeliterschule ist eine Grund- und Hauptschule im Frankfurter Bahnhofsviertel. In ihr lernen und leben ca. 200 Kinder aus insgesamt 46 verschiedenen Nationen miteinander. Alle großen und viele kleinere Religionsgemeinschaften und Glaubensrichtungen sind vertreten. Die wenigen deutschen Kinder sind genauso einzigartig, wie die Kinder der Elfenbeinküste, die aus dem Kongo oder die polnischen. In den einzelnen Klassen sind fast genauso viele verschiedene Nationen vertreten wie Kinder in der Klasse sitzen, manchmal – bedingt durch die unterschiedliche Herkunft der Eltern – sogar mehr. Daraus ergibt sich für unsere Schule ein großer Vorteil: Keine Nationalität ist bei uns sehr stark vertreten. Bei uns ist jeder „besonders“ mit seinem Migrationshintergrund und dadurch aber auch ganz normal, weil alle derart „besonders“ sind. Wollen sich die Kinder miteinander unterhalten, müssen sie dies auf deutsch tun, denn auf einem anderen Weg kann ein Marokkaner mit einem Kolumbianer in der Pause nicht kommunizieren. Fehlende Kommunikationsmöglichkeit führt jedoch oft zu Verunsicherung, Vorurteilen und Streitigkeiten.
Das erste Ziel unserer Schule muss also sein, den Kindern zu ermöglichen deutsch zu lernen, damit sie mit ihren Mitschülern kommunizieren können. Denn die Kommunikation ist der erste Schritt wirkliche Integration zu erreichen.

Ein Teil unserer Schülerinnen und Schüler ist hier in Frankfurt geboren, lebt aber in der Familie stark eingebunden in die Kultur des Herkunftslandes und lernt oft auch nur diese Sprache zu Hause. Erst im Kindergarten - manchmal auch erst in der Schule – lernen sie Deutsch.
Wir haben bei uns zudem Kinder, deren Familien bereits in der zweiten oder dritten Generation hier in Deutschland leben, sich noch nicht als Deutsche fühlen, immer noch stark in ihrer Kultur verwurzelt sind und weder die Herkunftssprache noch die deutsche Sprache korrekt sprechen können. Diese Kinder leben in einer westlichen Welt mit den kulturell engen Regeln des Herkunftslandes, der Religion oder Kultur. (Diesen Kindern fällt es besonders schwer die deutsche Sprache korrekt zu erlernen, weil sie bisher für keine Sprache eine Struktur entwickeln konnten. Kinder, die ihre Muttersprache gut beherrschen, erlernen eine Fremdsprache auch wesentlich leichter.)

Ein anderer Teil der Schüler lebt erst seit kurzem hier in Deutschland, musste aus dem Heimatland fliehen oder aus wirtschaftlichen, politischen, familiären oder beruflichen Gründen nach Frankfurt umziehen. Diese Kinder kommen zu uns ohne ein Wort deutsch zu sprechen, sind aber schon älter als zehn Jahre, manchmal dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Einige dieser Kinder waren in einer Schule, meist nicht regelmäßig, da der Schulbesuch in den Herkunftsländern als nicht selbstverständlich gilt. Manche Kinder müssen erst alphabetisiert werden, haben ein anderes Schriftsystem kennen gelernt (z.B. kyrillisch) oder waren noch nie in der Schule. Mit diesen Voraussetzungen sollen die Kinder mit fünfzehn oder sechzehn Jahren ihren Hauptschulabschluss schaffen, um dann überhaupt eine Chance zu haben, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen.

Wie versuchen wir, diesen Kindern die Integration in unsere Gesellschaft zu erleichtern?

Kommt man zu uns in den Unterricht, merkt man schnell, dass jeder Fachunterricht gleichzeitig Deutschunterricht ist. Wenn beispielsweise ein Text über Dinosaurier im Sachunterricht gelesen wird, müssen zunächst die Wörter verstanden und erklärt werden, gleiches gilt bei Sachaufgaben oder in einem Text über Vulkane im Erdkundeunterricht. Wir haben die Möglichkeit viele Förderstunden anzubieten, die den Kindern zusätzlich zum Regelunterricht Zeit geben Spracherfahrungen zu sammeln. Zu den Kindern in der Grundschule kommen wöchentlich „Lese-paten“, die mit einzelnen Kindern oder kleinen Gruppen zusammen lesen, mit ihnen über das Gelesene sprechen und ihnen Sprachvorbilder sind. (Bekannt ist, dass geschriebene Sprache ein wichtiges Sprachvorbild beim Erlernen einer neuen Sprache ist. Das Vorlesen verhilft auch die Sprachmelodie zu erlernen und die richtige Aussprache und Erklärung der Wörter zu erlernen.)
Diese Damen und Herren nehmen sich Zeit für die Kinder, bauen eine emotionale Beziehung auf und haben auch über das Lesen und Vorlesen hinaus ein offenes Ohr für die Gedanken der Kinder.
Zu unseren älteren Schülern kommen wöchentlich Mitarbeiter dreier Unternehmen im Rahmen eines Mentoring-Programmes. Sie fördern die Schüler, bieten ihnen aber auch einen Einblick in die Berufswelt und nehmen sich einfach Zeit für unsere Schüler. Oft kommen diese Helfer vor ihrer Arbeit oder in der Mittagspause; sie nehmen sich Zeit für die „schwierigen Hauptschüler“. Mit diesen Helfern gehen unsere Schüler gerne mal zu einem Picknick und sprechen dabei einen ganzen Nachmittag nur Englisch oder helfen in einem Museum bei der Planung einer Manga-Ausstellung.

Um das Lesen und die Sprachentwicklung der Schüler zu fördern gibt es bei uns zweimal jährlich eine Leseolympiade der Grundschule. Jeweils zwei Kinder einer Klasse dürfen sich einen Text aus einem Buch aussuchen, üben diesen mit Hilfe der Lehrer und tragen diesen Text allen Grundschulkindern bei der Leseolympiade vor. Für die Kinder ist es etwas ganz besonderes, sie üben intensiv, wollen an diesem Tag glänzen. Die zuhörenden Schüler folgen dem Vortrag meist gebannt, schließlich möchte jeder einmal vorne sitzen und am Mikrophon vorlesen. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um einen Wettbewerb, bei dem es einen Sieger gibt, einen besten Leser; jeder der vorliest hat bei uns gewonnen, erhält eine Urkunde über die Teilnahme und ein Buch geschenkt, damit er wieder neues Lesefutter hat und als Dankeschön für den Vortrag.

Eine weitere Wertschätzung des Lesen-Könnens erfahren unsere Zweitklässler in den ersten Schulwochen der zweiten Klasse. Sie laden ihre Eltern zum ABC-Fest ein, feiern, dass sie lesen und schreiben können und zeigen ihren Eltern, was sie bisher gelernt haben. An Stationen leiten sie ihre Eltern einen Nachmittag lang an, wie sie Buchstaben kneten, Wörter stempeln und turnen können, „rappen“ ihnen das ABC vor und genießen es einmal Lehrer ihrer Eltern zu sein. Für die Eltern, die teilweise keine eigene Schulerfahrung machen konnten, ist dieser Nachmittag eine Möglichkeit Kontakt zu uns als Schule zu haben, ohne Erziehungsgespräche zu führen, sich mit anderen Eltern auszutauschen oder einfach nur Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

Vor einigen Jahren haben wir festgestellt, dass bei vielen Kindern zu Hause wenige Bücher vorhanden sind. Wir dachten, wenn wir den Eltern Bücherlisten empfehlenswerter Kinderbücher aushändigen, würden sie diese kaufen, denn die meisten unserer Eltern wollen ihren Kindern bessere Bildungschancen bieten als sie einst gehabt haben. Wir gaben den Eltern diese Liste, aber wir unterschätzten, dass sich die meisten nicht trauten einen Buchladen zu betreten. Sie hatten das noch nie getan, es änderte sich leider nichts. Wir mussten also den Buchladen zu uns in die Schule holen. Einmal im Jahr, meist im November, kommt jetzt zum Bücher- und Spielefest der Buchladen zu uns: Für einen Buchladen verkaufen wir in unserer Schule bei diesem Fest Kinderbücher aus allen Sparten, die für Kinder interessant sind. Es gibt Kaffee und Kuchen (gespendet von den Eltern unserer Schüler), in einem Raum sind Gesellschaftsspiele für Eltern und Kinder und Lehrer aufgebaut. Mütter und Väter lesen in einem anderen Raum in ihrer Muttersprache Texte vor. Dies ist ein von den Kindern geliebtes Angebot, auch wenn sie die Sprache nicht verstehen, hören sie gespannt zu. Es gibt einen weiteren Raum in dem Hörbücher vorgespielt werden, um den Eltern zu zeigen: Ihr müsst gar nicht selbst vorlesen können, trotzdem kann euren Kindern zu Hause vorgelesen werden. Vor allem ist an diesem Nachmittag viel Zeit in Büchern zu blättern und wenn es finanziell bei den Familien irgend geht, ein Buch zu kaufen. Die Kinder verlassen oft stolz und erhobenen Hauptes dieses Fest mit einem neuen Buch unter dem Arm.

Dieses oder auch andere Bücher können ausgiebig während der folgenden Lesenacht gelesen werden. Mit Schlafsäcken, Decken, Iso-Matten, Kissen, Taschenlampen und allem was man sonst noch für eine Nacht in der Schule braucht bepackt, laufen Anfang Dezember die Grundschulkinder abends bei uns ein und genießen es, bis zum Augen-Zufallen lesen zu dürfen, sich gegenseitig vorzulesen oder über Dinge zu diskutieren, die sie eben gelesen haben. Die Lesenacht endet mit einem gemeinsamen Frühstück, zu dessen Gelingen oft die Eltern beitragen, indem sie frische Brötchen, Milch, Obst usw. morgens in die Schule bringen.

Jeden Morgen im offenen Anfang ist unsere Bücherei geöffnet, in der sich alle Kinder ohne großen Verwaltungsaufwand Bücher ausleihen können. Ergänzend gehen wir mit unseren Schülern in die Stadtbücherei, lesen in der Klasse Bücher vor, spielen mit den Kindern Theater und fördern immer wieder Lesen und Sprechen.

Mama-lernt-Deutsch-Kurs

Unsere Feste und besonderen Veranstaltungen, aber auch der tägliche Unterricht erfordern motivierte, gut ausgebildete Lehrer, denen bewusst ist, dass die Schulzeit meist die einzige Sprachlernzeit für die Kinder ist. Die universitäre Ausbildung der bei uns arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer hatte meist keine Ausrichtung auf den Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) oder Unterricht in Schulen mit hohem Migrationshintergrund. Die meisten Kollegen sind nicht bewusst an eine Grund- und Hauptschule mit hohem Migrantionshintergrund bei den Schülerinnen und Schülern gegangen, aber sie sind alle in diese Aufgabe hineingewachsen und bilden sich in diesem Bereich immer weiter fort.

mitSprache

Hilfreich ist, dass wir von Anfang an am Projekt „mitSprache“ teilnehmen (Inzwischen bereits im 10. Jahr). Dieses beim Amka (Amt für multikulturelle Angelegenheiten) angesiedelte Projekt fußt auf vier Standbeinen. Eines ist die Elternarbeit, Eltern mit Migrationshintergrund sollen in die Schule geholt werden, die Schwellenangst soll gemindert werden. So soll der Kontakt hergestellt werden und die Eltern zur Mitarbeit angeregt werden. Entstanden sind in diesem Rahmen die oben beschriebenen Feste (Bücher- und Spielefest, ABC-Fest, etc.). Zweimal pro Woche wird bei uns ein „Mama-lernt-Deutsch-Kurs“ angeboten, der immer gut besucht ist und den Müttern ermöglicht mehr vom Schulleben ihrer Kinder mit zu erleben, weil sie mehr verstehen können, was in der Schule passiert. Den Müttern wird in diesen Kursen nicht nur die deutsche Sprache nahe gebracht, sie lernen oft lesen und schreiben, lernen Bereiche des öffentlichen Lebens kennen: so kommt mal die Frauenärztin zu Besuch, ein Polizist spricht über Verkehrsregeln und die Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr, geht sogar mit den Müttern durchs Viertel und zeigt Gefahrenpunkte oder es kommen Mitarbeiter von Einrichtungen, die Migranten in unterschiedlichen Lebensbereichen Hilfestellungen anbieten.

Das zweite Standbein von „mitSprache“ ist die Förderung der Kinder. Ausgewählte Kinder erhalten zusätzliche Förderstunden, in denen Sprachförderung im Mittelpunkt steht.

Das dritte Standbein ist die Lehrerfortbildung im Bereich DaZ. Alle zwei Wochen sitzt ein Team von 4 Lehrern, der Schulleitung und einer Moderatorin zusammen und entwickelt Ideen, plant Veranstaltungen, bereitet Material auf oder diskutiert über die auftauchenden Probleme, wenn in Klassen so viele Schüler mit unterschiedlichem nationalen und kulturellen Hintergrund miteinander lernen. Regelmäßig werden gemeinsame Fortbildungen geplant oder vorbereitet. Die Ergebnisse dieser Teamsitzungen werden dann an das Kollegium weitergegeben, die Fortbildungen finden für alle Kollegen statt. Deutsch als Zweitsprache ist im gesamten Kollegium immer ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen, das wir diskutieren und an dem wir arbeiten.
Das vierte Standbein ist die Mehrsprachigkeit. Hier soll darauf geachtet und unterstützt werden, dass Kinder ihre Familiensprache ebenso wichtig erachten, wie die deutsche Sprache. Die vielen unterschiedlichen Sprachen der Schule werden nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung und Chance angesehen.

Fußball trifft Kultur

Zusätzlich findet seit drei Jahren an unserer Schule an zwei Nachmittagen in der Woche „Fußball trifft Kultur“ statt. Dieses von Litcam (Buchmesse) initiierte Programm wurde inzwischen auch in Hamburg und Berlin aufgenommen. Je 14 Kinder aus der Grund- und Hauptschule haben je eine Stunde Fußball bei einem ausgebildeten Fußball-Trainer eines ansässigen Vereins und eine Stunde
Sprach-Programm rund um den Fußball und Kultur. Zum Beispiel kommt ein Ernährungsberater, eine Paralympics-Siegerin oder ein Buchautor, der lange Zeit Legastheniker war. Die Kinder kreieren ihren eigenen Rap oder backen im Dezember Plätzchen. Ganz nebenbei haben die Kinder die Möglichkeit ihre Sprache zu verbessern und in Bereichen Erfahrungen zu machen, die ihnen sonst verschlossen bleiben.
Seit einiger Zeit haben unsere Hauptschüler immer wieder die Möglichkeit zu stark vergünstigten Preisen die Oper, Klassische Konzerte oder das English Theatre zu besuchen. Ein solcher Abend ist für unsere Schüler weit von ihrer Lebenswelt entfernt, schafft jedoch ein Erlebnis, schafft Emotionen, die so schnell nicht vergessen werden. Für unsere Schüler sind derartige Erlebnisse ebenso wichtig, wie die ihnen durch die Mitarbeiter der Unternehmen entgegengebrachte Wertschätzung. Indem sie sich Zeit für unsere Schüler nehmen, bringen sie ihnen eine Wertschätzung entgegen, die diese selten erfahren. Gerade unsere Hauptschüler bekommen immer wieder zu spüren, dass in unserer Gesellschaft nur die hinterste Reihe für sie bestimmt ist und sie von Beginn an keine Chance auf die vorderen Plätze haben. Die Projekte an unserer Schule zeigen ihnen, dass man sie sieht, dass sie es wert sind, sich für sie einzusetzen und vielleicht werden sie es im späteren Leben einmal schaffen, diese erfahrene Wertschätzung an andere weiter oder zurück zu geben.

Zusammenfassung

Integration hat meiner Ansicht nach sehr viel damit zu tun, ob ich mich als Teil der Stadt, des Landes in dem ich lebe fühle, ob ich eine Möglichkeit sehe mich damit zu identifizieren und mich zu beteiligen, ohne meine Identität aufgeben zu müssen. Dazu muss ich die Stadt kennen und schätzen lernen, ich muss mich in ihr sicher bewegen können. Dazu brauche ich auch die Sprache, die in ihr gesprochen wird. Ich muss verstehen können, was in ihr passiert.
Um zu erreichen, dass die Erwachsenen von morgen, die wir an unserer Schule haben, diese Basis bekommen, bieten wir ihnen viel, was nicht im Lehrplan steht, aber Grundlage für ein selbstverantwortliches Leben ist. Viele Grundlagen können die Eltern unserer Schüler nicht geben, weil ihnen hierzu die Kompetenz fehlt - dies versuchen wir auszugleichen.

Man darf bei all unseren Angeboten nicht vergessen: Wir können mit unserer Förderung erst beginnen, wenn wir die Kinder und die Eltern kennen lernen. Viele der Eltern haben inzwischen erkannt, wie wichtig der Kindergarten für ihre Kinder ist, wenn sie selbst kein Deutsch sprechen. Hier muss die Ausbildung an die Bedürfnisse angepasst werden, die Besoldung dementsprechend auch. Denn klar ist: ein Kind, dass erst mit sechs Jahren anfängt deutsch zu sprechen wird immer einen Nachteil haben gegenüber einem das mit dieser Sprache aufgewachsen ist. Es muss viel Aufholarbeit leisten um einen Wortschatz zu erlange, der vergleichbar ist mit seinen Mitschülern, die von Beginn an mit der deutschen Sprache aufgewachsen sind. Jeder Text, der gelesen wird ist für jemanden, der nicht in seiner Muttersprache liest eine Herausforderung, muss im Kopf übersetzt werden, bis die Sprache automatisiert ist. Gegen diese Sprachproblematik kämpfen diese Kinder jeden Tag an. Meist schaffen sie es nicht mit Ende der vierten Klasse dieses Sprachdefizit derart reduziert zu haben, dass sie an einem sehr sprachlastigen Unterricht in Gymnasien erfolgreich teilnehmen können. Diese Kinder brauchen viel mehr „Schulzeit“ um die Sprache und das Sprechen in allen notwendigen Feinheiten zu erlernen.

Wer jetzt sagt: „Ist es dann nicht besser, wenn nur wenige Kinder mit derartigem Migrationshintergrund bei vielen Deutschen- Muttersprachlern mit in der Klasse sitzen? Dann lernen sie doch sicher besser Deutsch ?“ Vielleicht könnte man diese Frage mit ja beantworten, sie geht aber an der Realität vorbei. In einer Stadt in der derart viele Nationen und Kulturen vertreten sind, gibt es eben eine Schule, wie die unsere. Wir freuen uns an jedem Kind, dass zu uns kommt und gehen mit den Gegebenheiten um. Da fast alle Kinder eine ähnlich gelagerte Sprachproblematik haben, machen wir aus der Not eine Tugend und fördern diese Kinder in jedem Unterricht. Wir bieten den Kindern und Eltern diese vielen Förderungen an, weil wir 200 Schüler aus 46 Nationen unterrichten.

Problemstellungen durch kulturelle Unterschiede

Auch bei uns ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Jedes Jahr kämpfen wir von Neuem darum, dass alle Kinder Schwimmen lernen oder mit auf Klassenfahrt fahren dürfen. Meistens gelingt es uns, braucht man doch bei einzelnen Familien einen langen Atem, darf nicht aufgeben und muss als steter Tropfen den Stein höhlen. Viele Bedenken sind kulturell bedingt. Meist hilft es sich mit den Ängsten und Bedenken der Eltern auseinander zu setzen, zu versuchen diese Sicht zu verstehen. Dann findet man meistens einen Kompromiss, mit dem alle, vor allem aber die Kinder gut leben können.

Ändern können wir nicht die geteilte Welt, in der unsere Schüler oft leben. Speziell die Mädchen erleben in der Schule die „westliche Welt“, hier dürfen sich Mädchen schminken, kurze Röcke anziehen und selbstverständlich mit Jungen reden. Frauen und Männer sind gleichberechtigt, ihre Schule wird sogar von zwei Frauen geleitet. Zu Hause sieht die Wirklichkeit oft anders aus. Mädchen haben dort eine andere Rolle, einen anderen Stellenwert. Sie sind oft stark eingebunden in Hausarbeit und Betreuung kleinerer Geschwister. An nachmittägliche Treffen mit Freunden ist nicht zu denken. Als Lebensziel steht hier die Ehefrau, Mutter und Hausfrau, an Selbstständigkeit wird hier noch nicht gedacht, sie ist nicht erwünscht. Aus diesem Zwiespalt können wir die Mädchen nicht herausholen. Wir können sie nur stärken und ihnen so viel Wissen mitgeben, sie beim Erwachsen werden und vielleicht beim sich emanzipieren unterstützen, ihre Lebenswelt ändern können wir mit unseren Mitteln nicht.

Wir würdigen in unserem Unterricht nicht nur die christlichen Feste, sondern lernen auch die Rituale anderer Religionen und Kulturen kennen. Religionsunterricht beschäftigt sich mit allen Religionen. Bei uns bauen die Kinder keine Vorurteile über andere Länder und Kulturen auf, sie lernen die Gemeinsamkeiten und auch die Unterschiede kennen. Bei uns spielt „der Kurde mit dem Türken“ ohne auf kulturelle Streitigkeiten zu achten. Alle Kinder lernen die Geschichte von St. Martin kennen, basteln Laternen und feiern mit uns eine Weihnachtsfeier. Die Eltern freuen sich daran oder tolerieren, was ihren Kindern angeboten wird. Sie haben das Gefühl, dass wir es gut mit ihren Kindern meinen.

Schlusswort

Wir möchten unseren Schülern und auch den Eltern nicht die deutsche Kultur und Sprache überstülpen und sie ihrer Kultur berauben. Wir möchten ihnen einen guten Start in das Leben in Frankfurt und in die Gesellschaft geben, in der sie leben. Sie fähig machen am öffentlichen Leben teilzunehmen und Selbstsicherheit zu bekommen. Dazu müssen sie sich mitteilen können und selbstständig sein. Erst dann haben sie die Möglichkeit sich mit der Stadt und dem Land in dem sie leben zu identifizieren, ohne ihre kulturelle Identität zu verlieren. Wenn das gelingt, können wir über unsere Schule sagen: „Ja, Schule macht Integration!“